Kamerun

Haus des Friedens - aktueller Stand

Ein Jahr später. Die Situation ist mehr als eskaliert, dort, bei unseren anglophonen Freund*innen in Bamenda von “La Liberté Arts Group”.

Selbst das Auswärtige Amt warnt inzwischen vor Reisen dahin. Ende November 2018 sprach das Büro des Sprechers des Generalsekretärs der Vereinten Nationen von 430.000 Binnenvertriebenen, über 100.000, die auf externe Hilfe angewiesen sind, über 20.000 nach Nigeria geflohen.

Regierungskräfte haben ganze Dörfer niedergebrannt, umgekehrt haben sich Teile der anglophonen Bevölkerung radikalisiert, kämpfen mit Waffen für die Unabhängigkeit. Um an Geld zu kommen, stehen Entführungen mit Lösegeldforderungen an der Tagesordnung.

Eigentlich wollten wir längst mit der TIM, unserer Jugendtheatergruppe, nach Bamenda gefahren sein, der Gegenbesuch. Doch das würden keine Eltern erlauben. Im Stadtzentrum soll es tagsüber okay sein, entfernt man sich nur wenige Kilometer vom Zentrum, höre man häufig Schießereien.

Die Geschichte der 78 entführten Schüler*innen ist um die Welt gegangen. Eine Lehrerin, die ebenfalls unter den Entführungsopfern war, hat noch im Oktober 2017 ein Theater der Unterdrückten Workshop mitgemacht, den meine Kolleg*innen und ich in Bamenda gegeben haben.

In unserer TIM sind Jugendliche, die Angehörige verloren haben. Die Familie eines Jungen ist nach Nigeria geflohen, weil die Straßen nach Bafoussam unpassierbar waren. Zu viele riskante Straßensperren auf dem Weg. Jetzt sind sie in einem großen UN Flüchtlingslager. Der Bruder einer unserer Spielerinnen liegt seit Tagen mit einer Schussverletzung am Kopf im Krankenhaus. Kopfverletzungen zu operieren ist schwierig, da hat sich bisher niemand rangetraut.

Wie kann man da weitermachen? Wir haben mit den Kids von “La Liberté Arts Group” telefoniert – alle um das Telefon gedrängt.

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Unsere Jugendlichen versuchen sich auf Englisch, haben eine Liste mit Fragen vorbereitet. Hinterher wird übersetzt für die, die nicht so gut englisch können.

Sie haben uns von der Situation vor Ort erzählt, davon, dass sie seit zwei Jahren nicht mehr in die Schule und in die Uni gehen, von der Unsicherheit dort zu leben, von Schüssen. Auf die Frage, was sie konkret täten, um die Krise zu lösen, können sie nicht antworten. Wie auch?

Über ihre Situation bereitet die TIM jetzt ein kleines Stück vor. Umgekehrt startet “La Liberté Arts Group” die Online-Kampagne “Go back to school”.

Außerdem haben wir uns mit Akumbu Jones und seinen Kolleg*innen von “La Liberté Arts Group” getroffen.

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Wir träumen von einer gemeinsamen Aufführung in der Hauptstadt Yaoundé, wollen die Jugendvisionen vom Frieden auf die Bühne bringen, vor den Augen der “Säulen der Unterstützung”, also den Kräften, die Einfluss auf die Krise haben. Insbesondere Frankreich bzw. deren Botschaft hier in Yaoundé, gleiches gilt für USA, Deutschland, Kanada. Und Minister*innen der kamerunischen Regierung. Ist das möglich? Oder zu gefährlich? Ist diese Friedensarbeit apolitisch genug, als dass ich sie als “Entwicklungshelferin” machen darf?
Und haben wir mit unseren mehr als beschränkten finanziellen und zeitlichen Ressourcen die Möglichkeit?

Jetzt erst Recht: Haus des Friedens!

Bibbern, zittern. Im anglophonen Bamenda anrufen: Wie sieht es aus?
Er hat das ganze Wochenende im Haus verbracht, erzählt ein Freund. Mit seiner Machete. Vor dem Haus waren Schüsse zu hören von Samstag bis Montag. Zu dritt mussten sie den jüngsten Mitbewohner davon abhalten auf die Straße zu gehen.

“Unsere Feinde, das sind der Präsident und das Militär. Der Präsident, weil er keine Straßen für uns baut und das Militär, weil es auf uns schießt”, sagt eine Sechsjährige.

Sind die Straßen frei? Ist es sicher genug rauszugehen? Erlauben es die Eltern, dass ihr kommt?

Die Straßen sind frei, es wird ruhiger. Kombi, unser anglophoner Kollege, leistet schwerste Überzeugungsarbeit bei den Eltern, beantwortet nachts noch besorgte Anrufe, besucht alle zuhause. Nein, die von CIPCRE sind sicherlich nicht von der Regierung.

Ein paar Eltern erlauben es nicht. Trotzdem, sie können kommen, die meisten.

Juhu! Treffen ist leider nicht drin so kurzfristig zum Planen .Wir schicken euch mal einen Vorschlag für das Programm, sagen wir in einem der hellen Momente, als das Handynetz funktioniert. Wie? Internet ist abgeschaltet. Post gibt es nicht. Also per Überlandbus.

Und dann kommt unser Chef ins Büro um zu verkünden, dass es sein kann, dass wir absagen müssen, weil der Oberhof ihm kein Geld gegeben hat.

Wie bitte?!

Das Projekt ist doch seit einem dreiviertel Jahr geplant, beantragt, bewilligt, die Gelder müssten doch da sein. Ja schon. Das ist doch das Herzstück des kompletten Jahres. Ja, er werde sich ja auch dafür einsetzen, dass wir das Geld noch bekämen.

Und er kämpft wirklich für uns – gibt uns täglich Updates. Ich bin machtlos, habe ich mich doch als Fachkraft aus Budgetfragen rauszuhalten. Schreibe dennoch: Wie wird das wohl aufgefasst, wenn wir von frankophoner Seite jetzt die Anglophonen wieder ausladen?

Am Mittwochabend erst heißt es Aufatmen: Das Geld ist da!

Und am Freitagmittag liegen sich unsere Kids der frankophonen TIM und der anglophonen La Liberté schon in den Armen.

Hinterher erzählen sie: “Wir hatten Bedenken, wie das denn so werden würde, mit den (Anglohonen / Frankophonen). Andere Sprache, andere Kultur. Aber dann haben zwei Mädchen angefangen mit den Umarmungen zur Begrüßung und dann war das erste Eis schon gebrochen.”

“Ich habe viel von den anderen gelernt, auch wie die Situation da in Bamenda ist.”

Eine Teilnehmerin erzählt, dass zu ihnen das Militär ins Haus gekommen ist, alle geschlagen hat, die Frauen wurden gezwungen sich auf den Boden zu legen, ihr Bruder wurde verhaftet. Der sitzt jetzt ausgerechnet hier in Bafoussam im Gefängnis.

Kein Wunder, dass da Berührungsängste sind.

“Und dann waren wir ja in gemischten Zimmern untergebracht. Das war gar nicht so einfach nur zu fragen, ob der andere gut geschlafen hat. ‘You have good… dormir?’ und die Wange auf die Hand gelegt, das ging dann”.

Beim Theater spielen – Anleitungen immer zweisprachig – wird dann aber improvisiert, getanzt. Am Samstagabend wird ein ganzes Improstück auf die Bühne gebracht: “Home of Peace – La Maison de Paix”. Zwei Gastgeberinnen laden das Publikum ein – unter anderem Zeitung, Fernsehen und eine Abgeordnete – die verschiedenen Zimmer im Haus zu besuchen. Jedes Zimmer stellt einen Aspekt des Friedens in den Augen der Jugendlichen dar: Gerechtigkeit, Liebe, Zusammensein und Verständnis.

Und diese Vorstellungen sind nicht statisch. Nachdem eine Vision gezeigt wurde, unterbricht ein anderer Jugendlicher: „Das ist für euch Gerechtigkeit? Das finde ich nicht gerecht.“ Und dann wird seine Vision von Gerechtigkeit gezeigt.

Dieses Projekt ist wirklich etwas ganz Besonderes: Anglophone und Frankophone kreieren etwas zusammen. Loten Visionen aus, ohne sich zu streiten. Jugendliche sprechen, Erwachsene hören zu. Jugendliche machen vor, wie Dialog geht. Und ziehen ein, in ihr Heim des Friedens:

„Wir wollen unbedingt zusammen weiter machen“, sagen sie. „Jetzt sind wir schon wie eine Familie.“

„Das nächste Mal müsst ihr nach Bamenda kommen. Da wird das Haus des Friedens viel grösser, wir brauchen da nämlich noch viel mehr Frieden.“

Theatermachen in politischer Krise?!

Eigentlich sollte alles so schön sein. Als wir dieses Projekt geplant haben, da war klar: Es kriselt. Schon vor einem Jahr sind im anglophonen Teil Kameruns Anwältinnen und Anwälte auf die Straße gegangen und einen Monat später hatten die Schulen geschlossen. Bis zu den “Sommerferien”, etwa neun Monate lang, sind die Kinder der anglophonen Minderheit nicht in die Schule gegangen. Im Dezember wurden Geisterstätte ausgerufen: Zwei Tage pro Woche waren alle Geschäfte geschlossen, kein Auto auf den Straßen, alle blieben zu Hause. In gewaltlosem Widerstand gegen Marginalisierung der 20 prozentigen englischsprachigen Minderheit und gegen ein als ungerecht empfundenes Regime.

Das Regime reagierte mit Verhaftungen, Verboten, Gewalt und einer der längsten Internetabschaltungen aller Zeiten: Über drei Monate war die Online-Redefreiheit der Minderheit unterbunden.

Es braucht Informationen über das was wirklich passiert und nicht nur das, was die Staatsmedien berichten. Es braucht Dialog zwischen Frankophonen, die in vielen Teilen auch unter der Regierung leidet, aber eher “aushalten, aushalten – es ändert sich sowieso nichts” als Motto verfolgt. Es braucht, zusammen Theatermachen. Tatsächlich: Theater für den Frieden.

So dachten wir und begannen uns einer anglophonen Theatergruppe anzunähern, um mit ihnen und unserer frankophonen Jugendtheatergruppe TIM ein gemeinsames Projekt zu machen.

Unsere erste Begegnung – Probenwochenende mit Werkstattaufführung, am besten Statuen und Forumtheater auf der Straße – planten wir für den 13.-15. Oktober 2017.

Inzwischen ist die Situation weiter eskaliert. Verschiedene Strömungen kristallisieren sich heraus, Anhänger*innen des Föderalismus und die eines unabhängigen Staates: „Ambazonia“ – am Sonntag 1. Oktober soll symbolisch Unabhängigkeit gefeiert werden.

Vergangenen Freitag verbietet die Regierung im anglophonen Gebiet Versammlungen von mehr als vier Menschen. Militär, Polizei und Gendarmerie aus dem ganzen Land sind in die beiden anglophonen Regionen versetzt worden. Eine Freundin berichtet, wie sie im Café sitzt und beobachtet, wie Militärs mit Finger am Abzug auf Pickups sitzen und durch die Stadt fahren.

Am ersten Oktober ruft „Ambazonia“ seine Unabhängigkeit aus. Sie feiern, singen die Hymne, man findet Videos, wo sie ihre Flagge schwenken und Friedenspflanzen in der anderen Hand halten.

Hinterher gibt es Tote – getötet von den „Sicherheitskräften“. Die Zahlen sind sehr verschieden – die einen sprechen von 7, die Nachrichtenagentur Reuters von mindestens 8 Menschen, die von Soldat*innen getötet wurden, Amnesty International von 17. Von separatistischer Seite ist von mindestens 70 Menschen die Rede. Die Angst vor Genozid wird heraufbeschworen.

Wir rufen unseren englischsprachigen Kollegen am Montag an: „Na, lebt du noch?“, fragt Jeanne, halb im Scherz.

Wir wissen nicht, was jetzt aus unserem Theater-Kooperationswochenende wird. Kommen unsere Freund*innen aus Bamenda überhaupt zu uns durch? Werden Busse fahren? Kann man gefahrlos das Haus verlassen? Werden die Eltern es erlauben? Welche Art Theater ist sicher genug für unsere Jugendlichen?

Theater für den Frieden – das klingt so schön. Welche Chance die Freiheit der Kunst in der Krise hat, das werden wir in den nächsten Wochen am eigenen Leib erfahren.

1. Probe mit der Mobilen Interventionstheatergruppe "TIM"

Es ist die erste Probe. Wir sitzen im Stuhlkreis in CIPCREs Multifunktionssaal und die Augen der Jugendlichen ruhen auf uns – den Kolleg*innen aus der Friedensabteilung Pélagie und Aoudou, und einem Kollegen aus der Menschenrechtsabteilung.

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Ich muss gestehen: Es ist das erste Mal, dass ich einen dreistündigen Workshop mit drei Kolleg*innen anleite. Früher hätte ich geglaubt, das sei kaum möglich. Aber der Sinn meiner Arbeit besteht darin nicht nur Theater mit Jugendlichen zu machen, sondern auch meine Kolleg*innen theaterpädagogisch weiterzubilden. Damit sie eben keine Ausländerin mehr brauchen. Und das ist eine spannende Aufgabe, denn die vier haben natürlich ganz andere Hintergründe: Alex hat Jura studiert, Pélagie Ökonomie und Buchhaltung und Aoudou Geschichte. Nicht gerade das erste, was ich mit Theater verbinde. Zum Glück sind Pélagie und Juristin Jeanne, die bald aus dem Mutterschutz zurückkommen soll, in der Leitung von Gruppen alte Hasen und Jeanne hat auch schon vorher mit meiner Vorgängerin Theater gemacht. Und gleichzeitig: Ein Geschichtswissenschaftler im seriösen Hemd, der ein Fangspiel anleitet – oder gar mitmacht – ist auf jeden Fall ein Highlight der Theaterarbeit.

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Nun sitzen wir also im Stuhlkreis und stellen uns alle vor. Ich mit meinem fehlerhaften Französisch, die anderen drei kamerunisch-eloquent – und lang. Ich werde nervös. Endlich geht es praktisch los. Werden sie mitmachen? Oder haben sie gar keine Lust, die Kids, die wir vom Casting kennen?

Zu Beginn sind sie noch etwas verhalten, als wir uns vorstellen.

Ich leite einen Raumlauf an, sie beginnen zu gehen. Wie alle Jugendlichen zu Beginn überrascht. Warum soll man einfach so durch den Raum laufen. Dann grüssen sie sich – Hand an Hand, Ellenbogen an Ellenbogen, Zehenspitze berührt Zehenspitze. Kichern. Puh. Das erste Eis ist gebrochen. Die nächste Variante: Synchrones Bewegen im Schwarm.

Nachdem das erst sehr schwierig ist, breitet sich langsam der Teamspirit aus. Sie beginnen gleichzeitig zu gehen. Zu stehen. Zu atmen.

Als wir sie in der nächsten Phase nach Hoffnungen, Wünschen, Erwartungen und Befürchtungen fragen, sind sie dann aber leidenschaftlich dabei. Wie soll „ihre TIM“ sein? Sie bauen Statuen und Bilder, die von ihren Horrorvorstellungen erzählen, in denen einzelne Mitglieder gemobbt und ausgeschlossen werden. Und ihrem Traum, in dem die Gruppe zusammenhält, „wie eine Familie“. Und in dem großes Theater gemacht wird, vor vielen Zuschauer*innen.

Mensch: Theater!

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